Das unsichtbare Leben der Addie LaRue – V. E. Schwab
Stell dir vor du lebst für immer, kannst hingehen, wo du willst, machen was du willst – aber niemand kann sich an dich erinnern. Sobald du einen Raum verlässt oder eine Tür hinter dir zufällt, bist du aus den Köpfen deiner Mitmenschen gelöscht. Ist das Freiheit oder einfach nur gruselig?
Genau so ist auf jeden Fall des Leben von Addie LaRue.
Darum geht es in „Das unsichtbare Leben der Addie LaRue“ V. E. Schwab
Achtung: könnte Spoiler erhalten:
Frankreich, 1714: Addie LaRue soll Zwangsverheiratet werden. In ihrer Verzweiflung fleht Addie die alten Götter an – doch es ist die Dunkelheit selbst, die ihr Antwortet. Addie schließt einen Pakt mit einem Dämon: Sie erhält ewige Jugend, absolute Freiheit und ein Leben ohne Grenzen. Doch der Preis ist hoch – jeder Mensch, der ihr begegnet, vergisst sie sofort wieder. Drei Jahrhunderte lang lebt Addie so ein unsichtbares Leben, wandert durch die Weltgeschichte, unfähig tiefe Bindungen einzugehen oder Spuren zu Hinterlassen, bis ihr plötzlich 2014 in einer New Yorker Buchhandlung jemand begegnet, der sich an sie erinnert. Doch Henry hütet ein eigenes Geheimnis, das ihre gemeinsame Zeit teuer erkauft.
Details zum Buch
Titel: Das unsichtbare Leben der Addie LaRue Originaltitel: The Invisible Life of Addie LaRue Format: Gebundenes Buch Einzelband Autor: V.E. Schwab Verlag: Fischer Tor ISBN: 978-3-596-70834-5 Seitenzahl: 592 Erstveröffentlichung: 28.06.2023 Preis: 16,00 € Meine Bezugsquelle: Chest of Fandoms, Sonderausgabe
Meine Meinung zu »Das unsichtbare Leben der Addie LaRue«
Was ist Freiheit wert, wenn sich dafür niemand an dich erinnern kann?
Im Jahr 1714 steht Addie kurz davor, einen Mann zu heiraten, den sie nicht liebt und mit dem sie erst Recht nicht ihr restliches Leben verbingen will. Ohnehin fühlt sich ihr Leben im kleinen Dorf Villon für sie nicht nach Freiheit an, sondern nach einem Käfig. Vorherbestimmt, begrenzt, ohne echte Wahl.
In ihrer Verzweiflung bittet sie die Götter um Hilfe, doch sie tut es nach Einbruch der Dunkelheit. Und so antwortet nicht der Gott, auf den sie gehofft hat, sondern Luc. Er macht ihr ein Angebot: Absolute Freiheit zu tun, was sie möchte, ewige Zeit, ein Leben ohne von den Grenzen andere eingeschränkt zu werden. Addie nimmt an. Doch genau das ist ein fataler Fehler. Luc ist kein Gott sondern ein Dämon. Der Pakt zu ungenau. Der Preis den sie für die Abmachung zahlt: hoch. Denn von nun an wird sich niemand mehr an sie erinnern können.Â
Die Idee dieses Buches hat mich sofort fasziniert. Ein Leben, bei dem du für andere langfristig keine Rolle spielst? Bei dem du wahrgenommen wirst aber dennoch immer unsichtbar bleibst? Wie grausam muss das sein, wie einsam?
Und genau diese Einsamkeit zieht sich für mich auch durch die gesamte Geschichte.
Mit jeder Seite wird deutlicher, wie isoliert ihr Leben eigentlich ist. Wie schrecklich dieser Pakt wirklich ist.
Addie reist durch Jahrhunderte und Länder und führt dabei ein unglaublich bescheidenes, fast schon langweilig normales Leben. Sie probiert nichts verrücktes, genießt einfach nur die Zeit. Tut die Dinge, die sie schon immer mal machen wollte. Sie lebt. Und irgendwann, je mehr Zeit vergeht, versucht sie nur noch zu überleben. Versucht, irgendwie in Erinnerung zu bleiben. Spuren zu hinterlassen. Addie flüstert Ideen in die Köpfe von Künstlern, beeinflusst über Jahrhunderte Musik und Literatur, schafft bleibende Dinge – und bleibt dennoch unsichtbar.Â
Die vielen Ortswechsel, Zeitsprünge und unterschiedlichen Leben von Addie machen zu Beginn noch Spaß, holen mich irgendwann aber nicht mehr richtig ab. Beim Lesen hatte ich oft das Gefühl, eher durch eine Sammlung von Momenten zu wandern als durch eine klassische Handlung. Der Spannungsbogen ist insgesamt sehr flach. Das Buch irgendwie leise. Langsam. Über lange Strecken passiert nicht genug, um wirklich mitgerissen zu werden. Es zieht sich sehr. Addie selbst blieb für mich auch lange ein Rätsel. Sie ist ein Widerspruch: stark, emanzipiert, mutig und gleichzeitig verloren und naiv. Addie wird als so unsichtbar, so gewöhnlich, so einsam beschrieben, dass sie für mich stellenweiße genau so unsichtbar blieb. Einfach nicht greifbar.Â
Ich mochte Luc mehr als Addie. Der Dämon war für mich facettenreicher, tiefgründiger. Greifbarer. Eine Person mit Ecken und Kanten. Die Beziehung zwischen den beiden hat mir daher auch sehr gut gefallen. Die beiden können sich nicht leiden, haben aber eine seltsame Form von Zweckgemeinschaft. Von gegenseitigem Verstehen. Sie wissen, was sie aneinander haben. Trotz allem.Â
Und dann kommt Henry. Plötzlich verändert sich alles. Ab diesem Punkt wurde das Buch für mich greifbarer. Die Beziehung zwischen Addie und Henry bringt eine neue Intensität in die Geschichte. Ihre gemeinsamen Tage sind unbeschwert und unglaublich kindlich, verspielt. Wie die erste Verliebtheit in Kindheitstagen. Was vorher zäh und schwer war, wirkt jetzt leicht. Ab hier wirkt das Buch fast eher wie ein Young Adult Liebesroman. Typische Teenie-Geschichte. Der Bruch passt sehr gut. Das Tempo des Buches wird angezogen und jetzt ist es richtig spannend, bis zu einem wirklich herzzerreißendem Ende.Â
Was mir das ganze Buch über sehr gut gefallen hat ist der Schreibstil von V. E. Schwab. Sie schreibt unglaublich poetisch. Ruhig. Viel findet zwischen den Worten, in den Pausen, in den Lücken statt. Viel muss interpretiert werden. Ihre Worte fühlen sich schwer und melancholisch an aber auch leicht. Manchmal fühlt man Weltschmerz, manchmal pure Freude. Sie pflanzt viele Gedanken und Bilder über die Bedeutung von Zeit und wie wertvoll Erinnerungen sind. Das mochte ich sehr.Â
Trotzdem konnte mich das Buch nicht vollständig mitreißen, mich nicht verschlucken. Es ist zu ruhig zu schwer.