Gym – Verena Kessler

Nach ihrem Erfolg mit „Die Geister von Demmin“ entführt uns Verena Kessler mit „Gym“ in eine Welt voller Schweiß, Selbstoptimierung und der gefährlichen Sucht nach dem „perfekten“ Körper. Aber wenn du jetzt eine motivierende Sport-Geschichte erwartest, liegst du – genau wie ich – völlig falsch.

Das Buch hat mich nachhaltig schockiert und ist trotzdem eine gesellschaftskritische Wucht, die man schwer ignorieren kann.

Alles, was du über das Buch wissen musst, findest du wie immer in diesem Artikel.

Darum geht es in „Gym“ von Verena Kessler

Achtung: könnte Spoiler erhalten:
Sie braucht dringend einen Job, also lügt sie, um ihn zu bekommen: In „Gym“ begleiten wir die namenlose Protagonistin in ihrem Alltag als Tresenkraft eines Fitnessstudios. Zuerst möchte sie selbst vom Sport nichts wissen und will einfach nur Geld verdienen, um ihre Miete zu zahlen. Doch dann verliert sie sich schleichend selbst im Fitnesswahn.

Details zum Buch

Titel: Gym
Gelesenes Format: Hardcover
Einzelband 
Autor: Verena Kessler
Verlag: Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
ISBN: 978-3-446-28163-9
Seitenzahl: 192
Erstveröffentlichung: 19.08.2025
Preis: 22,00 €
Meine Bezugsquelle: ausgeliehen


Meine Meinung zu »Gym«

Ich hasse das Gefühl, das dieses Buch hinterlässt und genau deshalb ist es gut

Das Buch ist absolut wild. 

In „Gym“ nimmt uns Verena Kessler genau dort hin. Ins Gym. Irgendwo zwischen dem einfach Wunsch sich mehr zu Bewegen, Leistungsdruck, Selbstoptimierung, Fitness-Influencern, Waschbrettbäuchen, Bodybuilding, Essstörungen und ganz normalem 0815-Sport-Alltag treffen wir auf unsere namenlose Protagonistin.

Sie verliert ihren Job und bewirbt sich als Tresenkraft in einem Fitnessstudio. Warum sie so unsportlich aussehe? Ach, weil sie grade erst entbunden hat (hat sie nicht) aber natürlich ist sie gelernte Personal Trainerin (ist sie nicht) und würde sich super über diesen Job freuen (tut sie nicht). 

Wir begleitend die Protagonistin ab ihrem ersten Tag beim MegaGym und lernen mit ihr gemeinsam die Fitness-Szene kennen. Schnuppern erst nur rein, sind stille Zuschauer am Seitenrand, bis wir selbst den ersten Schritt in die Szene machen und immer schneller immer tiefer hinein geraten. Von desinteressierter Couch-Potatoe zur Sportskanone. 

Die Geschichte zeigt ziemlich anschaulich auf, wie schnell man sich in dem Selbstoptimierungswahn verliert. Wie schnell aus einem „aja, probier ich mal aus“ ein „ich kann nicht mehr ohne Leben“ wird. Wie schnell aus etwas normalen und ja, sogar alltäglichem, eine Sucht wird. Immer schneller, besser, weiter. 

Die Art wie die Autorin sich ausdrückt passt hervorragend zur Protagonistin und zur Geschichte.  Ich liebe den schnellen, provokanten, leicht sarkastischen Schreibstil. Alles hat Tempo. Alles wirkt mitreisend. Etwas gehetzt. Wie ne krasse Einheit aufm Spinning-Rad. 

Und trotz allem, hat mich die Geschichte irgendwie zu sehr schokiert. Sie war zu unerwartet. Zu anders. 
Ich kann es nicht richtig greifen. Das Buch war sehr spannend,  lässt mich aber gleichzeitig mit einem unschönen Gefühl zurück. 

Irgendwie angeekelt, irgendwie verwirrt. Irgendwie als hätte ich etwas gesehen, dass ich nicht hätte sehen sollen. Als hätte ich versehentlich etwas überhört, dass so weit außerhalb meiner eigenen Realität existiert, dass es sich einfach nicht gut anfühlt, dieses Wissen nun zu besitzen. Als ich anfänglich schrieb, das Buch sei wild, meinte ich es genau so: Es ist wirklich verrückt. Ungeschönt. Fast schon grauenhaft authentisch. 

Wenn ich Gym also mit drei Sternen bewerte, bewerte ich nicht ausschließlich das Buch an sich, sondern genau dieses Gefühl mit dem es mich zurückgelassen hat. Denn obwohl ich es nicht primär schlecht finde, ist es auch kein Buch, dass ich weiterempfehlen würde. Es war mir teilweiße zu drüber, zu wenig, mit dem ich mich identifizieren kann. Und trotz allem: Das Buch beschönigt nichts. Ist gesellschaftskritisch. Regt zum nachdenken an. Und das macht dann doch wieder ein gutes Buch aus. 

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